Zwischen Zeitarbeit und Erdbeerfeld -
Undercover im Niedriglohnsektor

Über sieben Millionen Menschen verdienen sich hierzulande ihre Brötchen im Niedriglohnsektor.
Doch während sie von einem gutbezahlten Vollzeitjob träumen, will einer, den es besser traf,
hautnah wissen, wie sie denken, fühlen und (über-)leben. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler
Markus Breitscheidel wagte ein Experiment: Er legte seine Vergangenheit ab und begann den
Neuanfang – als Arbeitsloser.

Wer Anglizismen sucht, der findet. Steckt in arbeitslos nicht auch das englische Verb
‚to lose‘ - verlieren? Was, oder wie hoch hat jemand verloren, der sich als Zeitarbeiter weit unter
Wert verkaufen muss oder mit hohem körperlichen Einsatz und im Wettstreit mit polnischen
Erntehelfern nach einer Woche (12 Stunden täglich) 500 Schalen Erdbeeren gepflückt hat,
es sich aber nach Abzug von Zimmermiete und Benzingeld nicht leisten kann, ein Schälchen
zu kaufen? Dem Experiment sei dank gewinnt wenigstens einer, der geneigte Leser, denn das
Protokoll dieses Undercover-Einsatzes gibt es seit Ende des letzten Jahres in Buchform:
Arm durch Arbeit: Ein Undercover-Bericht.

Nach eineinhalb Jahren Recherche beschreibt Breitscheidel die Welt, wie sie durch die
Augen (zu) vieler Menschen wirkt. Sie sehen Arbeitsagenturen, in deren Eingangsbereich mit
Handschellen und Tränengas bewaffnete Wachmänner für Ordnung sorgen, während sie in der
Schlange davor anstehen. Sie sehen die Werbung der Aids-Stiftung, wohlwissend, dass in
den Hartz-IV-Regelsätzen Ausgaben für Verhütungsmittel nicht eingeplant sind. Sie sehen
Pfandflaschen in den Abfallbehältern auf Bahnhöfen, müssen sie aber darin liegen lassen,
weil das Durchsuchen der Behälter verboten ist. Sie sehen als Leiharbeiter bei einem bekannten
deutschen Autohersteller mangelhafte Scheinwerfer, aus Spanien geliefert, in China produziert,
die aber nicht aussortiert werden dürfen, weil man sonst Ärger bekommt. Aber sie sehen
nicht nur, sondern hören auch, zum Beispiel das es nicht klimpert und knirscht, wenn sie ihr
Portemonnaie in die Hand nehmen.

Breitscheidel bewies Mut und Durchhaltevermögen. Er geht dahin, wo es wehtut, mit dem
Blick für die Menschen, um die es geht und der Fähigkeit, das Erlebte in Worte zu kleiden.
Zwar hatte er gegenüber unfreiwilligen „Niedriglöhnern“ einen entscheidenden Vorteil:
er konnte sich gewiss sein, das Experiment irgendwann beenden zu können. Nichtsdestotrotz
wirkt sein Bericht - und er wirkt nach. Um seinen Blutdruck wieder im Normalzustand zu
wissen, musste der Verfasser dieser Zeilen das Buch regelmäßig zur Seite legen. Nicht unerwähnt
soll bleiben, dass auch Professor Dr. Klaus Dörre zu Wort kommt, der an der FSU Jena lehrt und forscht.

Diese Buchbesprechung endet, wie das Buch beginnt, mit Günter Wallraff, der selbst „ganz unten“
war und das Vorwort schrieb: „Der Anteil von prekär Beschäftigten wächst stetig und beschönigt
die Arbeitslosenstatistik. Der Anteil der Armen in diesem Lande wächst im gleichen Maße. Wie sich
das anfühlt, das schildert uns Markus Breitscheidel eindringlich. Und zwar ganz körperlich und
hautnah, jenseits aller Worthülsen, Sprechblasen und verlorenen Phrasen über die angeblichen
Segnungen der Ausbeutung auf Zeit.“

 Daniel Pfletscher 

Markus Breitscheidel: Arm durch Arbeit – Ein Undercover-Bericht, Econ Verl., Berlin 2008,
ISBN 978-3-430-30027-8